Groß Gerauer Echo vom 12.5.2026
Von Rene Granacher
Stockstadt. Worüber sprach man im Ort zu Beginn des vorigen Jahrhunderts? Ungefähr weiß man das – dank eines Mannes, der sich damals in die Wirtshäuser setzte und zuhörte. Jakob Mauer war sein Name, er kam 1902 nach Stockstadt und war hier 45 Jahre lang als Lehrer tätig. Daneben sammelte und veröffentlichte er viel Material zu Geschichte, Natur und Kultur. Einiges davon war am Samstag beim „Stockschter Abend“ im Hofgut Guntershausen zu hören.
Jörg Hartung, der die alten Artikel ausgewertet hat, begrüßte gut 50 Interessierte zu Informationen und Anekdoten, vorgetragen im Wechsel mit Kerstin Wenner, Heike Hartung und Reiner Kiesel. Erschienen sind Mauers Texte von den 1920er bis in die 1950er Jahre im Groß-Gerauer Heimatspiegel, einer wöchentlichen Beilage der Groß-Gerauer Heimatzeitung.
Alte Straßennamen und Wirtshäuser werden lebendig
Der 1879 im rheinhessischen Gimbsheim geborene Lehrer blickte oft weit ins 19. Jahrhundert zurück, etwa auf die Gaststätten in der Zeit, als Stockstadt noch Hafen für die Residenz in Darmstadt war: „Da waren in jenem Teil unseres Dorfes, das am Rheinhafen lag, die Stockstädter Wirtshäuser: Wenner, Koch, Mölbert, Jakobi waren Wirte in der Vorderstraße. Nur der „Rheinische Hof“, jetziger Inhaber Franz Delp, ist noch vorhanden.“
Dieser befand sich im Haus an der Ecke Vorderstraße/Hintergasse. Andere Wirtshäuser waren nur kleine Stuben, so Mauer weiter: „Beim Schmidt Michel, in der „Sonne“, dem „Mond“, beim Gebhard, beim Gutjahr, in der „Frischen Quelle“, waren es meist alte Leute, die in der Runde ihre kleinen Viertelschöppchen billigen Kartoffelfusel tranken.“
Auch alte Straßennamen waren Thema, etwa der Falltorweg: „Es führte früher ein Viehweg aus dem Dorf hinaus in den hinter den Ort gelegenen Wald, das Eichfeld. Ein Falltor schloss ihn gegen das Dorf ab. Dieses in festen Angeln sitzende Tor war zweiflügelig und fiel von selbst zu, wenn das Vieh auf die Weide getrieben wurde.“
Der Name der Wingertstraße erklärt sich aus den einstigen Weingärten. Aber warum stehen dort so viele einstöckige Häuschen? Mauer: „Stockstadt erhielt einen starken Zuwachs durch die im 17. Jahrhundert wegen Kriegsbedrängnissen dorthin gezogenen Gimbsheimer.“ Die hatten kein Bürgerrecht, waren arme Tagelöhner oder Handwerker. „Nach der altgewohnten Bauart in Gimbsheim bauten sie sich ihre Häuser aus Lehmsteinen, die sie sich selbst im Sommer aus dem fetten Ton des Rheingebietes formten und trockneten.“
Schnaps wird in Stockstadt schon lange nicht mehr gebrannt
Die Weinreben führten auch zum Thema der ausgestorbenen Berufe: Nicht nur Weinküfer und Fassmacher, sondern auch Branntweinbrenner. „In Stockstadt waren noch nach dem Krieg von 1871 in vier Bauernhofreiten Schnapsbrennereien, heute sind diese in keinem Dorf mehr zu finden.“ Verschwunden sind auch die Lager für Stämme aus dem Schwarzwald: „Noch vor 100 Jahren war hier das Holzlager der Firma Kast. Das Floßholz lag im Wasser, dem so genannten Kastloch. Von hier aus wurde die Stämme mit dem Fuhrwerk hauptsächlich nach der sich durch viele staatliche Neubauten rasch wachsenden Residenzstadt Darmstadt gefahren.“
Ausführlich berichtete der Lehrer auch von Spukgeschichten über Erscheinungen im früheren Centgrafengarten zwischen Kirch- und Pariser Straße und an der Lusthäuser Brücke auf Biebesheimer Gemarkung. Jakob Mauer wurde 1952 Ehrenbürger und verstarb 1956 an Herzversagen auf einem seiner täglichen Spaziergänge.